Seit es Menschen gibt, ist die stärkste Bindung zwischen Mann und Frau die Liebe - in gegenseitiger Gleichberechtigung. Alles andere ist zweitrangig. Aber die Liebe sollte echt sein, voller Vertrauen und Verantwortung. Es gibt Menschen, die haben die Liebe nicht verdient, weil sie selbst nicht lieben können.
  

Das Ende einer Liebe
(oder:  Der Bumerang)


Sie wacht mitten in der Nacht auf. Ihre rechte Hand  tastet sich bis auf das leere  Kopfkissen und wieder zurück. Das Bett neben ihr ist leer.  Sie greift noch halb im Halbschlaf zur Nachttischlampe und knipst sie an. Gedämpftes Licht breitet sich im Schlafzimmer aus und gibt die Konturen frei.  Die schweren Fenstervorhänge sind zugezogen. Die Frau sitzt aufrecht in ihrem Bett. Chippendale-Schlafzimmer - furniert - und 10 Jahre alt. Genau so alt wie ihre Ehe, d.h. die Einrichtung hatten sie kurz vor ihrer Heirat gekauft. Sie blickt beinahe fassungslos auf die unbenutzte Hälfte des Ehebettes, springt hoch, zieht sich den hellen seidenen  Morgenmantel über ihren grün-weiß gestreiften Schlafanzug, geht barfuß über den teppichbelegten Flur ins Badezimmer.  Walter wollte doch früh heimkommen. Hat die Besprechung wieder so lange gedauert? Das Essen, das sie so liebevoll zubereitet hatte, war längst verschmort, als sie sich schlafen gelegt hat. Der Salat in der großen Salatschüssel war ungenießbar geworden, zusammengefallen zu einem Häufchen ineinander geklebter, matschiger, grüner Blätter. Nun ja, sie hätte die Salatsoße stehen lassen können, bis Walter sich an den gedeckten Tisch gesetzt hätte. Aber was macht das schon? Das passiert immer wieder mal. Die grelle Badezimmerlampe blendet sie. Sie trinkt ein paar Schluck von dem schlecht schmeckenden Wasser aus dem Zahnputzglas. Das Wasser fließt milchig weiß aus der Leitung.  Sie knipst im ganzen Haus das Licht an und geht die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Eine noch attraktive nicht mehr ganz junge Frau, mit großen Lockenwicklern im kastanienbraunen Haar. Sie ist nicht abgeschminkt. Das tut sie seit ihrer Heirat mit Walter abends nicht mehr. Walter ist gut verdienender Computerfachmann, zwar einer von den nicht auf dem Laufenden gehaltenen Experten, die nicht das nötige zeitgemäße Know-how besitzen wie wohl Deutschlands zukünftige Greencard-Inhaber. Sein "Big Boss" benötigt so hoch bezahlte Leute nicht. Die Medien, die Sponsoren stecken lieber Geld in Unternehmungen wie "Big Brother" oder ähnliches. Nun ja.  Von Walter ist auch hier unten keine Spur. Die Frau sorgt sich. Hoffentlich ist mit dem Auto nichts passiert! Hoffentlich hat er nicht getrunken!  Sie wirft einen Blick auf die hohe alte Eichen-Standuhr, die in der Wohnbereich-Ecke vor dem Fenster zur Straße steht,  2 Uhr nachts! Zwei Westminster-Schläge bestätigen das.
Sie bewohnen ein Reihenhaus im Vorort der Stadt. Sie haben keine Kinder, d.h. Walter will keine. Sie ist  berufstätig als Vorstandssekretärin im selben Konzern, in dem Walter als gut bezahlter Fachmann beschäftigt ist.  Die beiden haben ihre Arbeitsplatze in unterschiedlichen Firmengebäuden - die Gebäude liegen jeweils in einem anderen Stadtteil. Das ist gut so. Sie begegnen sich während ihrer Arbeitszeit nicht. Sie führen ein schönes Privatleben - meint sie, die Frau, die mitten in der Nacht wieder einmal ihren Mann vermisst. "Was soll ich tun, wenn ihm was passiert ist?  Ich kann ohne ihn nicht leben! Und wenn er eine andere hat?" Die Gedanken fallen ungeordnet über sie her.  Sie läuft wie ein gefangenes Tier im Käfig hin und her. "Soll ich mich anziehen? Was soll ich tun?" Sie hastet die Treppe hinauf zurück ins Schlafzimmer, zieht sich einen leichten Pulli über und schlüpft in eine Jeans. Es ist Sommer. Eine warme angenehme Nacht. Sie zerrt sich die großen Wickler aus den Haaren. Das Telefon klingelt. Sie stürzt die Holztreppe hinunter, um ans Telefon zu gelangen, das im Wohnzimmer an der Wand zum Garten hin angebracht ist.  Sie haucht mehr als dass sie spricht in den Hörer: "Ja, Monika Schmidt." - "Hallo, ich bin´s!" Gott sei Dank! Seine Stimme!
Aller Weltschmerz ist vergessen. "Ja wo bleibst du denn?" - Die höhnische Antwort trifft sie unvorbereitet: "Ja, ich bleibe - für immer von dir weg!" - "Wie meinst du das?" -" Nun genau so wie ich´s sage! Ich lass mich scheiden von dir Schlampe." Monika schluckt schwer. Was soll das? Es war doch immer alles in Ordnung bei ihr und zwischen den beiden Eheleuten.  "Du weißt, das Haus gehört mir, und ich werde es verkaufen."   Punkt. Monika, die Frau, hält den Hörer in der Hand und begreift nicht, was ihr der Anrufer unterbreitet hat. "Wann kommst du denn?" fragt sie total aus der Fassung gebracht. Ihr Mann hat das Gespräch abgebrochen. Das Besetztzeichen ertönt beinahe schrill in ihr Ohr. Das Haus haben sie doch gemeinsam gekauft, d.h., die Hypotheken sind noch nicht abbezahlt.   Sie legt den Hörer auf und steht da und steht da. Lebte sie bisher in einer Scheinwelt? Hat sie sich die glückliche Ehe nur eingebildet? Ihre Liebe - seine Liebe?  Ein Mann in den besten Jahren, eine attraktive Frau, ein Reihenhaus, zwei Pkw, 2 x im Jahr Urlaub, Einladungen bei Freunden - - - . Was soll das? Ein Ende?  Sie kann das Haus sowieso alleine nicht halten.  Sie muss sich eine andere Stelle suchen. In dem Betrieb, in dem sie jeder kennt, will sie nicht weiter arbeiten. In Sekundenschnelle spielt sich ein Chaos von Gedanken in ihrem Kopf ab. Sie muss herausbekommen, wer seine Freundin ist - und - und  - und - .

Im Rest der Nacht wird sie von schmerzhaften Vorstellungen  gepeinigt. Sie sieht ihren Mann im Bett mit einer  anderen - in ihrer Fantasie eine wunderschöne, zarte und schlanke blonde junge Frau - die gleichen Zärtlichkeiten austauschen - vielleicht noch mehr? - die sie für  einmalig hält. Was soll sie tun? Vielleicht handelt es sich ja nur um einen schlechten Scherz! Aber nein - diese kalte Stimme, diese kalte Stimme, die so voller Wärme sein kann. Sie duscht sich. Kocht Kaffee. Sie versucht ihn mit der Handynummer zu erreichen. Sie selbst verfügt über kein Handy. "Eins reicht vollkommen für uns," hat Walter gemeint. "Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar. Versuchen Sie später noch einmal!" monotone Antwort auf dem Band, immer wieder. Fahrig  und unkontrolliert wirft sie einige Habseligkeiten in einen Koffer. "Was mach ich nur, was mach ich nur?" hämmert es in ihrem Kopf. Soll sie wirklich alles verlieren? Ihr schönes gemeinsames Haus? Ihre große einzige Liebe? Der Herzschlag droht auszusetzen, ihr Atem stockt. Ihr Leben bricht auseinander. Sie ruft in der Nacht noch ihren Bruder an, der auf Mallorca mit seiner Freundin lebt. Der tröstet sie: "Es kommt schon wieder alles Ordnung. Leg dich erst mal wieder hin und versuche zu schlafen." Als ob sie das könnte! Ruhelos wandert sie im Haus rauf und runter, hin und her, bis sie auf die teure neue Couch im Wohnzimmer sinkt und vom Schlaf übermannt wird.
 

Dann geht alles sehr schnell


Am nächsten Morgen geht alles blitzschnell, d.h. ihr Untergang ist perfekt geplant. Walter ist nicht nach Hause gekommen. Zuerst ruft sie im Betrieb an und meldet sich krank. "So, so, krank sind Sie? Schicken Sie uns bitte ein ärztliches Attest, auch wenn Sie nur heute fehlen." Diese Worte fließen wie süßer Honig aus dem Munde des Ständigen Vertreters ihres Chefs. Immer wieder hat er vergebens versucht, mit ihr ein Techtelmechtel anzufangen, obwohl auch er verheiratet ist.  Er ist in seiner Eitelkeit verletzt.  Seit er sicher weiß, dass er bei ihr nicht landen kann,  schikaniert er sie, wo er nur kann. Sie will heute noch ihren Hausarzt aufsuchen. Sie macht sich frisch, verlässt eilig das Haus, läuft das Stück Straße bis zur Garage,  die sich nicht am Haus befindet. Ein paar Schritte sind´s nur um die nächste Straßenecke - eine große Garage für zwei Autos.  Das Garagentor ist hochgeklappt - die Garage leer!  Welch ein Schreck! Ihr erster Gedanke: "Mein neues Auto ist gestohlen!" O Gott, auch das noch! Sie muss den Diebstahl der Polizei und Versicherung melden. Wie? Sie geht erst einmal zu Fuß zu ihrer Bank, um Geld abzuheben. Sie besitzt ganze fünfzig Mark Bargeld. Sie war gestern nicht mehr dazu gekommen, Geld abzuheben.
Die protzige Ausstattung des riesigen Schalterraumes  stört sie heute nicht. Ihr wird an dem für sie zuständigen Kundenschalter von einem jungen Schalterbeamten  süffisant erklärt, dass ihr Mann das Konto habe sperren lassen. "Unser gemeinsames Konto? Wie ist das möglich?" - "Nun, ihr Mann hatte wohl seine Gründe!" Auch das anschließende Gespräch mit dem Vorstand, das recht kurz verläuft, bringt nichts. "Ihr Mann hat schwerwiegende Gründe vorgebracht, die ich als Bankgeheimnis behandeln muss." Sie ist zu Tode beschämt und strahlt überhaupt keine bisschen Selbstsicherheit mehr aus. Das Gespräch in der offenen Halle ist nicht diskret. Andere Bankkunden hören genüsslich zu. Das nutzt der Mann aus und treibt sie total in die Ecke einer Irgendwieschuldigen. Ihr letztes Gehalt wurde auf  das gemeinsame Konto überwiesen.  Sie hat keine Kraft mehr und fünfzig Mark im Portmonee. Der Versuch, mit der Scheckkarte am Automaten an Geld zu kommen, schlägt fehl. Die Scheckkarte wird eingezogen. Sie ist am Ende ihrer Nervenkraft. Sie geht zum nächsten Telefonhäuschen und bestellt sich ein Taxi. Ihre Beine zittern. Zwanzig Mark sind fällig. "Zuhause" angekommen geht sie über  den mit kleinen Steinen gepflasterten Weg durch den blühenden von ihr stets mit großer Sorgfalt gepflegten Vorgarten. Vor der Haustür nestelt sie den Schlüssel aus der Handtasche und schließt die Tür auf - nein, nein, das stimmt nicht, sie will es tun - der Schlüssel klemmt, er funktioniert nicht, er klemmt und klemmt . . . . . Eine vorbeigehende Nachbarin bleibt stehen und teilt ihr mit, dass doch der Schlüsseldienst vor einer guten Stunde da gewesen ist und das Schloss in Ordnung gebracht hat. Ihr Mann habe während dieser Prozedur in ihrem Auto vor dem Haus geparkt, ebenso wohl seine Sekretärin auf dem Beifahrersitz. Ein weiterer schwerer Felsbrocken fällt knallhart in ihre Gedanken: "Das Schloss ist ausgetauscht worden! Der Wagen wurde nicht gestohlen! O Gott, was mach ich nur?" Sie setzt sich nicht auf die dreistufige Treppe vor der Haustür und weint. Das tut sie sich nicht an, und der Nachbarschaft gönnt sie das Schauspiel nicht. Sie drückt den Klingelknopf an ihrer eigenen Haustür. Sie horcht. Nichts rührt sich im Haus. Sie geht über die Steinplatten am großen  Wohnzimmerfenster entlang, das die gesamte Seite bis zur Haustür an der vorderen Häuserfront einnimmt und versucht, durch eine Ritze der langen zugezogenen Vorhänge zu gucken.  Sie entdeckt gar nichts. Licht flutet von der anderen Terrassenseite in den großen Raum.  Die Felsbrocken prasseln weiter vom vermeintlich abgesicherten Fels des Lebens herab. Monika duckt sich - wird sie erschlagen?
Sie besitzt im Augenblick gar nichts. Sie trägt ihre blauen Jeans und eine leichte lockere grüne Bluse, die ihr übrigens gut steht, eine feine kleine Handtasche von Aigner ohne nennenswerten Inhalt, kein Geld, keine Bleibe, kein Auto,  kein Telefon. Ihren Arbeitsplatz im Vorstandsbüro eines großen Chemiekonzerns kann sie ohne Auto nicht erreichen. Wohin soll sie? Zum Arzt? Ohne Auto geht hier gar nichts - eine ruhige Eigenheimwohngegend. Wo befindet sich die nächste Bushaltestelle? Kilometerweit entfernt!  Außerdem ist Busfahren teuer, wenn das Geld fehlt. Wie einen Anwalt aufsuchen ohne Geld? Außerdem kennt sie keinen.  Sie rappelt sich auf und geht und geht, weiß nicht wohin, geht und geht, setzt sich irgendwo im Park auf eine Bank und weiß sich nicht zu helfen, bemerkt nicht, wie der Tag  auf den Nachmittag zustrebt.  Sie befindet sich in einem Schockzustand.
 
Walters Triumph

Ihr Mann Walter hat von einem sicheren Versteck aus - hinter von der städtischen Gärtnerei gepflanzten hochgewachsenen Hecken - mit seiner  attraktiven jungen Freundin das Geschehen vor seinem Haus genau beobachtet. Das vergebliche Bemühen Monikas, die Haustür aufzuschließen, hat er hämisch genossen. "Jetzt ist sie erst mal fertig," sagt er schadenfroh zu der jungen Frau, legt den Arm um sie und küsst sie fest, hart und fordernd auf den Mund, dass es fast weh tat. Wirklich - eine schöne junge Frau!
"Das kannst du so nicht machen," sagt sie beinahe beschämt, tief bestürzt und drückt ihn von sich.  Sie hat seine Tricks erkannt.  "Warum nicht? Sie hat mich genug gelangweilt mit ihren ewigen Reden von Liebe. Keine Power hat sie. Es ist alles so langweilig geworden. Ich hab keinen Bock mehr auf sie." -"Und wann wirst du keinen Bock mehr auf mich haben?" - "Mein liebes Kind, den Spaß, den wir zusammen haben, will ich mein Leben lang genießen!" - "Das hier ist kein Spaß mehr!" Die beiden warten ab, bis Monika weggegangen ist, verlassen ihr Versteck und  gehen zu dem in der Nebenstraße geparkten Wagen, der Monika gehört. Die junge Frau steigt nicht ein. Sie kommt sich trotz aller bisherigen Verliebtheit sehr schäbig vor. Das lange rot gefärbte Haar flattert, der Minirock zeigt sehr schlanke schöne Beine, aus den großen blauen Augen fließen Tränen. Das hat sie nicht gewollt. So nicht. Sie läuft weg, nur weg - weg von diesem gemeinen Mann, der sie beinahe mit hineingezogen hätte in eine Machenschaft, die sie  so nie gewollt hat. Sie hatte ihn immer wieder zur  Scheidung gedrängt. Er hatte ihr eine normale Trennung von seiner Frau versprochen. Aber das was hier abläuft, lehnt sie zutiefst ab. Und heute hat sie zum ersten Mal seine Frau gesehen, konnte feststellen, wie attraktiv und nett diese aussah. Walter lässt den Motor  an und fährt langsam neben ihr her. "Nun steig doch ein,  Liebes, die Leute wundern sich schon!" Was soll sie sagen? Sie schüttelt nur den Kopf und überquert die Straße, um auf den anderen Bürgersteig zu gelangen. Walter gibt Gas und braust davon um die nächste Straßenecke. "Was hat der?" Neugierige Fragen stellen sich zwei Frauen, die in ihren Vorgärten Unkraut jäten. Sie stützen sich auf ihre Hackenstiele und stecken ihre Köpfe zusammen "Was soll der haben? In der Ehe stimmt´s doch schon lange nicht mehr!" - "Wieso? Ich hatte immer den Eindruck, dass die beiden sehr verliebt sind!" - "Ja? Und dann diese junge Frau, die bei ihm war, als seine Ehefrau die Haustür nicht aufbekam? Die ist bestimmt seine Geliebte!" - "Glaub ich nicht!" Sie jäten weiter. Jede beschäftigt sich mit ihren eigenen weiterspinnenden Gedanken. Ihre Ehemänner sind Großverdiener, Manager angesehener Konzerne. Diese Frauen lieben es, nur Hausfrau, Mutter und Gärtnerin zu sein. In dieser Eigenheimsiedlung sind die meisten Familien so beschaffen. Gute alte Zeit - Mutter zuhause, wenn die Kinder von der Schule heimkommen. Die werfen ihre Tornister in irgendeine  Ecke, lassen kurz Dampf ab, stürmen die Toilette, schimpfen auf die Lehrer, waschen sich die Hände und setzen sich an den gedeckten Mittagstisch, und Mutter bedient sie. Der angestaute Frust ist verflogen. Dann wird erzählt. Der normale Familienalltag kann beginnen.  Mutter ist die Hauptperson und nicht der Computer oder Fernseher.
 
Wie geht´s weiter?

Monika hat sich inzwischen von ihrer Parkbank erhoben und läuft wie blind durch die Gegend. Sie ist verzweifelt. Wäre es anders, wenn sie Kinder hätten? Aber Walter wollte keine!   Sie schämt sich. Zu wem kann sie gehen? Es gibt niemanden. Um irgendetwas zu unternehmen, fehlt ihr tatsächlich jede müde Mark. Soll sie zu ihrer  Nachbarin gehen, die "ihren" Walter so toll findet? Die Ehepaare sind befreundet! Und Walter ist der Beliebtere von ihnen beiden, ist er doch immer zu einem Späßchen aufgelegt! O nein o nein o nein! Sie war in ihrem ganzen Leben nicht so hoffnungslos geschockt wie in diesen Augenblicken. Sie kann sich nicht wehren. Wie denn?  Ihr Geist, ihre Psyche sind unbeweglich vor lauter Entsetzen. Wenn doch ihre Mutter noch lebte! "Was mach ich nur? Was mach ich nur?" hämmert es unaufhörlich in ihr. Sie erreicht  irgendwann die kleine gemütliche Stadt und setzt sich in ein Café, bis dieses schließt. Da steht sie nun wieder draußen vor der Tür. Soll sie denn zur Polizei gehen? Sie geht. Sie stammelt was von Zugang zu ihrer eigenen Wohnung gesperrt. Zwei Beamte fahren sie mit dem Polizeiauto zu ihrem Haus. Licht brennt im Wohnzimmer. Sie drücken auf den Klingelknopf, ein gut aussehender, adretter, gut gekleideter,  gepflegter,  freundlicher  Mann in den besten Jahren öffnet die Haustür - Walter!  "Liebes, wo kommst du denn her? Ich habe mir  Sorgen um dich gemacht. Habe mehrmals in deinem Büro angerufen. Die haben gesagt, du seist krank! Warum sagst du mir denn nichts?"  Er wendet sich an die erstaunten jungen Beamten: "Meine Frau  ist noch nie so lange fortgeblieben. Sie hat öfter sonderbare Einfälle. Manchmal weiß sie sogar nicht mehr, wo sie wohnt! Dieses Mal ist es ja noch mal gut gegangen! Vielen Dank auch!" Er zieht seine Frau rein ins Haus. Die verdutzten Polizeibeamten verabschieden sich zackig und gehen den Steinweg im Vorgarten zurück zu ihrem Auto. "Da stimmt doch was nicht!" meint der nette jüngere Beamte. "Ach was, wieder mal so eine durchgeknallte Lady! Der arme Mann!"  Walter geht wortlos wieder runter in die Kellerbar, wo er mit einigen Freunden Skat spielt und trinkt, lässt Monika allein in ihrem Elend zurück. "Meine Alte knallt vollends durch," lässt er seine Skatbrüder wissen. "Die spinnt schon seit einiger Zeit. Ich werde sie wohl entmündigen lassen müssen." Monika staunt nicht schlecht, dass der alte Haustürschlüssel wieder passt, als sie ihn fast wie im Tran ausprobiert.  Die Männer unten in der Kellerbar werden laut. Sie sehen sich stundenlang Videos an. Ihre respektlosen, obszönen und lautstarken Bemerkungen dringen bis zu Monika nach oben, die unfähig ist, etwas zu unternehmen.  Irgendwann packt sie einen weiteren Koffer und will das Haus verlassen - kein Geld in der heutigen Zeit, eine berufstätige Frau, die mitten im Leben steht, ohne einen fahrbaren Untersatz? "Liebes, was ist los mit dir?" fragt der inzwischen angetrunkene  Walter  süffisant, nachdem seine "Freunde"  lärmend das Haus verlassen haben.  "Ich musste das Konto sperren lassen lassen.  Ich kann nicht zulassen, dass du alles Geld abhebst und dich mit fremden Männern rumtreibst! Du bist gesehen worden! O ja, ich bin dir längst auf die Schliche gekommen! Du bist eine Hure! Ich werde dich entmündigen lassen. Morgen früh lass ich dich in die Klapsmühle bringen. Schlaf gut, Engelchen!" Ja, so ist das nun. Das hat sie davon. Er hat sie oft genug beschimpft, wenn er betrunken war. Warum ist sie nicht längst gegangen? Warum fiel sie immer wieder auf seine anschließenden Beteuerungen herein? Nun, dieses Mal gibt es keine Liebenswürdigkeiten mehr, das weiß sie. In panischer Hast greift Monika ihre beiden  Koffer, um das Haus zu verlassen. Sie wirft noch einen Blick auf den vom Schlaf übermannten  Walter, der alkoholselig in einem der neuen teuren Sessel eingeschlafen ist und laut schnarcht.  Es läuft ein Film vor ihrem geistigen Auge ab.  Sie sieht sich mit einem harten Gegenstand in der Hand vor dem Sessel stehen, sieht sich zuschlagen auf den Schlafenden. Aber es ist nur ein Film  der sich vor ihrem inneren Auge abspielt, bis die Rolle reißt.  Es ist  Mitternacht geworden. Panikartig und halb blind vor Tränen  wirft sie die Haustür hinter sich zu und rennt wie von bösen Geistern verfolgt  die kurze ruhige Straße an den gepflegten Vorgärten vorbei bis hin zur nächsten Straßenecke und  erstarrt fast beim Anblick ihres Autos - in der Garage.  Das Garagentor ist immer noch hochgefahren. Da steht er, ihr Beetle!  Nervös und zitternd stellt sie die Koffer ab, durchwühlt  ihre Handtasche und findet endlich ihren Autoschlüssel. Gott sei Dank! Wenigstens hat sie ihr Auto!  "Morgen ist auch noch ein Tag," denkt sie und fühlt sich beinahe sicher in dem Gedanken, sich in ihr Auto setzen zu können und fortzufahren - egal wohin. Der Hammer wird immer größer, der jetzt auf sie niederfällt. Der Wagen lässt sich nicht aufschließen. Noch schwingt der Hammer. Es dauert eine Weile, bis er sein Ziel erreicht hat, das Begreifen, dass das Schloss ausgewechselt worden ist. Am liebsten möchte die Frau in dieser Nacht auf der Stelle sterben. Ein später Radfahrer ohne Licht klingelt fast gespenstisch an ihr vorbei. Unter der Laterne an der Straßenecke steht wartend eine junge Frau. Ein später Spatz flattert aus der Straßenrinne hoch. Ein aufgeschreckter Hund kläfft von irgendwo. Der Himmel ist sternklar, eine ruhige nächtliche Mittelstands-Vorort-Idylle..
 
Es kann nicht schlimmer kommen - es kann nur besser werden

"Frau Schmidt, Frau Schmidt, endlich - ich habe auf Sie gewartet!" Eine Frauenstimme - eine junge Stimme. Aus dem Licht der Laterne löst sich der Schatten einer jungen Frau. Die junge  Frau und kommt nun auf die verstörte Monika zu.  "Ja bitte?" - "Ich bin Sabine Maß. Ich habe auf sie gewartet. Ich kenne ihren Mann. Wir sind befreundet - ein Paar - gewesen bis heute. Ich besitze einen neuen Schlüssel für ihr Auto, das ihr Mann mir geschenkt hat." - "Das ist nicht möglich. Es ist auf mich zugelassen. Ich habe es gekauft." - "Aber ihr Mann hat den Kaufvertrag unterschrieben."  Im schwachen Schein der Straßenlaterne  stehen sich zwei attraktive Frauen gegenüber.  Monika nimmt den Schlüssel an sich. "Sie sind das?"  fragt sie die Frau mit den schulterlangen Haaren gedehnt. Das Schicksal schlägt wieder zu. "Ja ich. Aber ich will Ihnen nichts wegnehmen, nicht einmal mehr Ihren Mann. Ich möchte ihnen alles erzählen, vor allen Dingen wieder gut machen. Darf ich mit in Ihr Auto kommen? Mein Fahrrad habe ich bereits am Fahrradständer des Supermarktes festgemacht.  Kommen Sie mit zu mir. Ich habe nicht gewusst, wie gemein Walter sich Ihnen gegenüber verhalten wird. Er würde es eines Tages genau so mit mir machen. Es tut mir leid." Monika ist dieser jungen Frau total ausgeliefert. Sie selbst fühlt sich nicht mehr in der Lage, irgendetwas selbst zu bestimmen oder zu unternehmen. Sie merkt aber in ihrer Hilflosigkeit, dass diese junge Frau es ernst meint. Sie gibt ihr den Autoschlüssel zurück. Sabine Maß schließt den Wagen auf und setzt sich hinter das Steuer. Monika verstaut ihre Koffer im Kofferraum und setzt sich neben die Fahrerin. Rückwärtsgang eingelegt, raus aus der Garage, die beiden fahren los.
 

Das Leben geht weiter
 Es wird eine schlaflose Nacht. Die beiden Frauen durchreden den Rest der Nacht in Sabines moderner gemütlicher Wohnung in der Stadt.  Selbst gemalte Bilder zieren die Wände, Mohnblumenmotiv, große Fotos von Hunden, eine gemütliche Single-Wohnung von individuellem Geschmack. Monika schöpft Kraft. Sie trinken Kaffee. Monika fällt gegen Morgen erschöpft auf der ausgezogenen Couch im Wohnzimmer in tiefen Schlaf. Sabine sieht zufrieden auf die schlafende Frau und geht in ihr Schlafzimmer, das nur durch einen weich fallenden Vorhang vom Wohn- und Eßraum getrennt ist.  "Morgen sehen wir weiter," denkt sie erleichtert darüber, dass sie diesen Schritt getan und die Gefährlichkeit des Mannes, den sie glaubte zu lieben, erkannt hat. "Mein Gott, ich danke dir." Sie fällt in traumlosen Schlaf.
 
Dann geht alles seinen ausgleichenden Weg

Dann geht alles seinen geregelten Weg. Was soll ich lange erzählen? Die beiden Frauen bilden eine Notgemeinschaft, aus der eine Freundschaft entsteht.  Monika kann bis sie eine eigene Wohnung gefunden hat, bei Sabine wohnen. Nun ist Walter zum Problem geworden. Er bedrängt beide Frauen. Er will Monika immer noch als psychisch gestört darstellen. Es gelingt ihm nicht. Monika übt ihren Beruf zur großen Zufriedenheit ihres Chefs aus. Der Ständige Vertreter schöpft neue Hoffnung aus diesem Ehedilemma. Er benimmt sich wieder betont liebenswürdig. Na und? Monika ist in kurzer Zeit stark geworden. Sabine hat einen eigenen Frisiersalon. Eigentlich hatten sie und Walter vor, aus dem Erlös des Hauses, den Salon zu erweitern. So - wie er versprochen hatte. Beide Frauen hassen ihn nur noch. Dann macht Walter beide Frauen schlecht, so gut er nur kann. Er erzählt überall, dass ihn Monika wegen dieser Frau verlassen habe. Wer glaubt es ihm? Wohl niemand.  Er reicht die Scheidung ein, bevor Monika diesen Schritt tun konnte. Monika ist bei ihrem Rechtsanwalt in guten Händen. Sie hat bei einer anderen Bank ihr Konto einrichten lassen, lebt vom Gehaltsvorschuss, der ihr großzügig  gewährt wird. Das Haus soll verkauft werden. Ein Notar will alles vorbereiten. Aber erst einmal muss Walter eine Dienstreise ins Ausland antreten. Monika nutzt seien Abwesenheit, um ins Haus zu gelangen,  ihre persönlichen Habseligkeiten holen. Aber dann überlegt sie es sich anders. Natürlich ist das Schloss inzwischen wieder ausgewechselt worden, und sie kommt nicht rein.  Nun beansprucht sie den Schlüsseldienst. Ihre Freundin Sabine ruft dieselbe Firma an, die schon einmal den Auftrag, das Schloss auszuwechseln, bekommen hat. Es klingt glaubhaft, dass die Hausfrau den Schlüssel für ihr Haus verlegt oder gar verloren hat und ihr Mann nicht zu erreichen ist.. Monika und Sabine räumen das ganze Haus leer. Ein großer Möbelwagen steht vor der Tür.  Monika hat sehr schnell eine Wohnung in der Stadt in der Nähe von Sabines Wohnung gefunden. Sie freut sich darauf, sie ganz nach ihrem eigenen Geschmack einrichten zu können.. Die überflüssigen Möbel will sie bei Bekannten sicher unterstellen lassen. In der Nachbarschaft  herrscht helle Aufregung, als der Möbelwagen vor dem Haus steht.  Hurtig, hurtig, alles raus. Das geht alles ohne den Notar. Sie hat sich belehren lassen: Diebstahl unter Eheleuten gibt es nicht.
Als Walter von seiner Dienstreise nach einigen Wochen  zurückkehrt, benötigt er wiederum den Schlüsseldienst, um ins Haus zu kommen. "Sie werden ja noch Stammkunde bei uns," sagt ihm der Mann am Telefon. Der Schreck ist groß, als Walter im leeren Haus steht. "Sehen Sie sich das an. Ich brauche Zeugen!" - Der Mann vom Schlüsseldienst meint: "Das geht mich nichts an. Ich hab nur meine Arbeit getan." Er kassiert und geht. Wut, Wut, Wut auf alle Weiber dieser Welt verspürt Walter. Er stößt den Urschrei aus im leerengeräumten hohlen Haus. Seine Kleidungsstücke hängen in den Einbauschränken. Eine nicht aufgeblasene Luftmatratze liegt in der oberen Etage im kleinen Zimmer auf der Erde. Sogar ein Kopfkissen und eine Bettdecke haben die Weiber ihm da gelassen. Himmel - Herrgott - Sakrament! Die Bar im Keller haben sie ihm nicht ausbauen können in der kurzen Zeit. Die vollen Cognac- und Sektflaschen stehen unberührt im Glasschrank hinter der Theke. Gott sei Dank.  Das Telefon ist abgemeldet, sein Handy nicht aufgeladen. Er besäuft sich an jenem Abend sinnlos und fällt vom Barhocker. Hat er sich das Genick gebrochen?

Fortsetzung kann schreiben wer will. Für mich ist er gestorben. So einfach ist das.

Wie wär´s tatsächlich mit einer Fortsetzung?  Vielleicht das nächste Mal, wenn ich Lust dazu habe - oder jemand anders.